Die Kunst als Statthalter der Utopie

Der Schauspieler Fabian Hinrichs über die Inszenierung " Merlin oder Das wüste Land" von Antú Romero Nunes

Ich möchte über den Anfang schreiben, den Anfang dieser Inszenierung.

„Am Anfang geht’s aufwärts, immer nur aufwärts.“ (Friederike Roth)

Schales Licht, ein vielblättriger Baum ist zu sehen, im hinteren Teil der Bühne. Im Geäst raschelt es. Es raschelt, dann:Stille. Es raschelt erneut, dann wieder Stille. Die Drehbühne läuft an, der Baum kommt uns, den Zuschauern, näher. Es folgt gleiches SPIEL: Rascheln, Stille, rascheln. Dann: zwei Clowns purzeln vom Baum auf die Bretter.

Dies ist der Anfang des Anfangs. Er zeigt mir: Etwas Unsagbares kann sich umsetzen in ein Bild. Es wird (eben nicht) nicht alles gezeigt. Es wird (eben nicht) nicht alles gesagt. Sprache haut weg, was Geheimnis ist. Wenn man meint, über einen Gegenstand alles sagen zu müssen, entfernt man sich von ihm. Erst der Ton, dann das Bild, zuletzt die Sprache, ZULETZT die Sprache.

Eine Gefahr ist, ein Geheimnis zu zerschlagen. Eine andere, vorzeitig aufzuhören.

Vielleicht ist es gut, darüber nachzudenken, wie es dazu gekommen sein mag, dass dem beschriebenen, klaren, poetischen Anfang der Inszenierung im weiteren Verlauf nicht wirklich gefolgt wird, vielleicht sogar gar nicht gefolgt werden kann. Ich habe mich etwas umgehört, unter älteren Spezialisten des deutschen Sprechtheaters (-denen ich in Analyse und Bewertung schon oft vertrauen konnte-), und diese EXPERTEN teilten mir einhellig mit, dass sie Tankred Dorsts „Merlin“ noch nie zufriedenstellend inszeniert geniessen konnten. Warum wohl?

MERLIN handelt vom Scheitern einer Utopie, vom Vergehen der Zeit, erzählt anhand der Mythen des Mittelalters. Der Begriff Mythos wird umgangssprachlich gerne als Gegenbegriff zur Tatsache benutzt, wohl, weil das Gemeinte statt Informationen und Begriffe eher diffuse Bilder und Emotionen hervorruft.David und Goliath, Siegfried, der Kaiser Barbarossa,die Germanen des Tacitus, der Faust, die Loreley, die Nibelungen, der Rhein- na und so weiter, bis heute.

Die Unschärfe liegt also bereits im Gegenstand selbst. Das kann in der Auseinandersetzung zu Klarheit führen, zu klaren Fragen zumindest, nicht unbedingt zu klaren Antworten. Oder nicht.

Wie geht Nunes mit dem Problem um? Er wendet drei MITTEL an.

1. Wirkungsmechanik

2. Ironie

3. Patchwork

(diese Aufstellung kann man hinsichtlich ihrer Kausalität übrigens hin- und herdrehen: Durch Wirkungsmechanik entsteht Ironie, die alles als Patchwork erscheinen lässt. Oder: Durch Patchwork (Fragmentieren) entsteht der Eindruck von Wirkungsmechanik, diese Einsicht führt beim Zuschauer zur Distanz zum Gezeigten, er empfindet das Geschehen als ironisch-gebrochen.Oder so wird auch ein Schuh draus:durch die teilweise ironische Spielweise ensteht kein Flow, sondern ein Record-skipping (die Schallpladde hat Kratzer und springt und hüpft), die eingesetzten Mittel erscheinen daher athmosphärisch und inhaltlich nicht mehr eingefasst und durch eine innere Melodie ver- und gebunden, sondern eben als Effekt).

Insbesondere das Mittel der Ironie als einer (Kultur-) Technik, die Unwissenheit vortäuscht, aber für ihren Effekt auf das Wissen des Hörers rechnet, hat heftige Folgen, für die Inszenierung des Lebens als auch für eine Theaterinszenierung: Es verhindert die gefühlsmäßige und körperliche Erfahrung von Leidenschaft und Intensität.

Ein Beispiel: Ein Liebespaar wird gezeigt, das Verlieben und das Zusammensein des Paares werden ironisch illustriert: eingeknickte Knie, rollende Augen, kieksende Stimmen.

Entzauberung.

Sollen später aber Gefahren gezeigt werden, denen diese Liebe ausgesetzt ist, soll später Dramatik entstehen- an sich schon heikel, aber jetzt erst recht: unmöglich. Das Mittel der Ironie hat das Drama, eh schon ein alter Mann am Stock, vollends weggeputzt.

Man macht Bilder, trägt aber keine Verantwortung.

Man hält Monologe, ohne etwas zu sagen, (sagen zu wollen?).

Man lebt, und tut, was man tut.

Man ist im Theater, und tut, was man tut.

Ein weitere Sorge, die einem das Stück bereitet ist, dass es der Welt und dem Leben in ihr einen Sinn unterstellt, -gerade auch durch den im Scheitern manifestierten Pessimismus-, den sie, den es vielleicht seit dem sechsten Schöpfungstag gar nicht hat. Mag sein, dass Nunes dies gespürt hat, und einer humanistischen Einheitserzählung etwas entgegensetzen wollte- nur was? Warum hat er sich überhaupt für dieses Stück entschieden? Könnte sein, dass er es als williges Spielmaterial identifiziert hat. Und mir dann, mit Mitteln, die man aus der Werbeindustrie kennt, das brave altväterliche Familienauto als virilen Sportwagen verkaufen muss.

Aber, nichtsdestotrotz:

der Anfang, der macht mir Mut und Lust, die ganze Energie, die Nunes hier aufgebracht hat, anders eingesetzt zu sehen. Arcade Fire singen: „Step out into the dark. Now I'm ready to start“: hinaus ins Dunkle, Inhalte werden einen schützen. Zum Beispiel zeigen, DASS ES NOCH ETWAS ANDERES GIBT, als die Gesellschaft und den Staat; als Notwehrakt gegen die Ohnmacht, gegen die „Trauer, dass das Leben so und nicht anders ist“ (Frisch).

Sonst ist alles nur ein Job. Das ist doch scheisse.

„Das ist mir zu kompliziert.“? Nein!

Es darf gelacht werden.

Alaaf