Der Fremde

Zum Tod von Madjid Kawussifar

Madjid Kawussifar *1979 + 2007 in Teheran

Von Madjid Kawussifar wird berichtet, daß er zusammen mit seinem Neffen Hossein den Richter Hassan Moghadass erschossen haben soll, einen der gefürchtetsten Richter der Islamischen Republik Iran, der zahllose Oppositionelle verurteilt hatte. Auf einem Motorrad warteten sie vor dem Irschad-Gericht in der Ahmad-Qasir-Straße, der Bukarest-Straße des alten Teheran. Einer der beiden jungen Männer feuerte zwei Kugeln auf den Kopf des Richters, von denen die erste tödlich gewesen sein soll, heißt es in der Meldung der BBC vom 2. August 2005 unter Berufung auf den Polizeichef von Teheran. Auf den Tag genau zwei Jahre nach dem Anschlag wurden am Tatort Madjid und Hossein Kawussifar öffentlich hingerichtet. Nur Madjid hat gegrinst, während Hassan eingeschüchtert wirkte, verloren, und es war auch kein Grinsen, keine Gleichgültigkeit; es war ein Lachen, ein richtiges Lachen, auf diesem wie auf den anderen Bildern, manchmal ein zärtliches Lächeln wie auf dem Weg durch eine Menge von vermummten Polizisten zum Galgen, manchmal ein fröhliches Hallo. Das Publikum: zwei-, dreihundert vielleicht. Aus einem Fenster schauen zwei im weißen Kittel herunter, Ärzte wohl. Ein paar lächeln, die meisten gaffen nur, so auch die Polizisten, die die Stätte absperren. Niemand schreitet ein, niemand empört sich. Die Mutter soll geschrieen haben, „Gott, gib mir meinen Sohn zurück“, die Mutter von Madjid oder von Hassan. Sogar Kinder sind im Publikum, ein Mädchen jedenfalls, keine fünf Jahre alt. Welche Barbarei, denke ich, nicht nur die Hinrichtung als solche, die ganze Situation, eine moderne Großstadt, eine breite Straße, Asphalt und Bäume, Hochhäuser, zwei Lastwagen mit Hebearm wie bei der Feuerwehr, allein der Haken fast so groß wie ein Kopf, daran ein blauer Strick geknotet, Plastik, wie in der Nahaufnahme zu erkennen ist, aus dem Baumarkt, die Heerschar iranischer Photographen, die so weltlich-westlich aussehen wie Photographen vor dem Bundeskanzleramt, Baseballkappen, modische Kinnbärte, genauso im Publikum, was für ein barbarisches Land. Vor der Hinrichtung wird der Koran vorgetragen, mit Verstärker, vielleicht auch nur von Kassette, schön die Rezitation eigentlich, iranischer Stil, elegisch, zum Kotzen. Als der Barhocker unter Madjids Füßen weggestoßen wird, sind Allaho akbar-Rufe zu hören, wenigstens nicht viele. Gewiß, die meisten Zuschauer werden Madjid und Hassan Kawussifar für gewöhnliche Mörder gehalten haben. Der wütende Richter zählte vor der Hinrichtung die Morde, Entführungen, Einbrüche und Banküberfälle auf, die ihnen zur Last gelegt wurden. Die Internet-Zeitung Rooz zählte später die absurden Widersprüche auf, in die sich die iranische Justiz in dem Bemühen verwickelte, eine Konspiration des amerikanischen Geheimdienstes zu behaupten und die beiden gleichwohl als gewöhnliche Kriminelle abzutun. Aber Madjid Kawussifar – wie hat er es nur geschafft, den Henkern, den Barbaren sein Lachen ins Gesicht zu spucken? Nein, ich kann nicht beschwören, daß er ein Held war. Ich betone: Ich weiß so gut wie nichts über ihn. Vielleicht hat er den Richter umgebracht, weil er im Westen einen plausiblen Grund haben wollte, Asyl zu beantragen. Ich kann es mir allerdings nach allem, was ich dann doch über seine Geschichte erfahren habe, nicht vorstellen. Und was immer sein Motiv war – spätestens unterm Galgen wurde er zum Helden, nachdem in Teheran einmal Straßen benannt werden wie nach den Geschwistern Scholl in Deutschland oder Filme gedreht wie gerade jetzt in Berlin über Graf Stauffenberg mit Tom Cruise. „Ich bereue nichts“, beteuerte er, da ihm ein dicker Bärtiger und ein vermummter Polizist („Police“ stand in lateinischen Lettern auf dem schwarzen Overall) den Strick um den Hals legte: „Ich würde diesen Richter noch einmal umbringen.“ Das klingt nach einer Passion und ist es auch. Madjid Kawussifar hat sich mit seinem letzten Gang in die Reihe der Märtyrer gestellt, die sich durch die schiitisch-iranische Geschichte zieht. Der Kult um die Helden, die den Kampf gegen eine Übermacht wagen, den sie sicher verlieren, hat in Iran so tiefe Wurzeln, daß er die Religion nicht mehr braucht. Zur Geschichte Madjids gehört, daß er eigentlich schon in Sicherheit gewesen war. Nach dem Anschlag hatte er sich nach Dubai durchgeschlagen und bei der Amerikanischen Botschaft Zuflucht gesucht. Die Amerikaner haben ihn den Behörden der Vereinigten Arabischen Emirate übergeben, oder genau gesagt, haben die Amerikaner den Hinweis gegeben, damit er vor der Botschaft verhaftet und nach Iran ausgeliefert werden konnte. Die Botschafterin, die Madjid Kawussifar zuvor persönlich empfangen haben soll, heißt Michele J. Sison, um ihren Namen ausnahmsweise schon einmal festgehalten zu haben. Möge Gott auch sie mit Albträumen strafen. Möge Madjid Kawussifar ihr, uns, allen im Gedächtnis bleiben.

Navid Kermani „Dein Name“ München 2011