GESPRÄCH

"Vorerst vor Anker" Luk Perceval und Gunter Gabriel im Hamburger Binnenhafen: über Heimat und Bindung, Lebensphasen und ihr Publikum – ein Originalbeitrag aus dem neuen Thalia Abo-Magazin.

Vier Ehen, vier Kinder, unzählige Frauen. Ein Leben zwischen Schlaflagern in ranzigen Hinterzimmern, in Trucks und Wohnwagen. Wenn wir an Treue und Beständigkeit denken, kommt uns eigentlich nicht der Country-Sänger Gunter Gabriel („Hey Boss, ich brauch’ mehr Geld“, „Er fährt nen 30-Tonner Diesel“) in den Sinn. Doch sucht nicht auch der rastlose Rolling Stone einen Halt im Leben? – fragte sich Luk Perceval, Leitender Regisseur des Thalia Theaters und selbst stolzer Eigner eines 17m langen Motorschiffs. Er besuchte Gabriel an Bord seines Hausboots, mit dem der seit 1998 im Harburger Binnenhafen vor Anker gegangen ist. Vorerst.

„Hier achtern kommt noch ein Motor rein. Und dann geht’s über die Kanäle nach Paris; da fängt meine Tochter bald bei Karl Lagerfeld an“, umreißt Gunter Gabriel seine Zukunftspläne bei der Führung durchs Hausboot. An Deck bittet er aber erst einmal zu Erdbeer- und Sahnetorte.

Luk Perceval kommt gerade aus Ludwigsburg, wo er die Theaterakademie leitet, kürzlich hatte er Premiere mit „Draußen vor der Tür“ in Hamburg und bereitet nebenbei seine Proben von „Macbeth“ bei der Ruhrtriennale vor. Der Regisseur ist von Berufs wegen immer unterwegs, wie Gabriel. Am Abend muss er zurück zum Flughafen. Zusammen machen sich die beiden ungleichen Männer auf die Suche nach den festen Bindungen in ihrem Leben – als Künstler und als Menschen.

Gabriel zählt die Gäste. Er verschwindet kurz in der Bordküche und stellt einen Korbsessel an die provisorische Kaffeetafel in der windgeschützten Ecke des Decks. Von der Brücke über den Lotsekai dröhnt das Horn eines Tiefladers; Gabriel grüßt lässig zurück.

Kreise, die ich meine

„Eigentlich bin ich Großstädter. Aber das Boot gibt mir das Gefühl, jederzeit verschwinden zu können – und das brauche ich. Jeden Morgen zu entscheiden, ob ich bleibe oder abhau’, das ist geil. Das nenn’ ich frei sein!“ – Tatsächlich hat die „Magdeburg“ seit zwölf Jahren noch nie abgelegt.

Aus Widersprüchen wie diesem macht Gabriel keinen Hehl; genau wie Luk Perceval. Der Belgier, der sich geschworen hatte, nie wieder ein Schiff zu betreten, schnippt seine Kippe entspannt in das trübe Brackwasser. „Bis ich neun war, habe ich auf einem Schiff gelebt. Meine Eltern fuhren in den sechziger Jahren Holz aus dem Kongo von Antwerpen den Rhein hoch nach Aschaffenburg und kamen mit Stahl wieder zurück. Ich habe dieses Leben gehasst. Und wo finde ich mich jetzt wieder? Ich bastle an meinem Motor und fluche wie mein Vater, die Hände voll Öl.“ Es sind diese unerklärlichen Kreisbewegungen im Leben, manchmal über Generationen, die Perceval faszinieren. „Das Schiff meines Großvaters wurde in Lübeck gebaut und lag in Hamburg. Mein Boot liegt in Lübeck, und Hamburg wiederum hat mich geprägt. Hier habe ich Theater gesehen, das mich stark beeindruckt hat, zum Beispiel Zadeks „Lulu“. Zig Jahre später habe ich am Deutschen Schauspielhaus „Schlachten!“ inszeniert, und jetzt bin ich Leitender Regisseur am Thalia Theater.“ Er nimmt einen Schluck Tee, der Kuchen auf seinem Teller ist noch unberührt. Gedankenvoll nestelt er an der Plastikfolie der Erdbeerschnitte. „Menschen bewegen sich wie Ameisen, scheinbar ohne Sinn und Verstand, aber es gibt bestimmte Muster.“

„Das sehe ich anders“, widerspricht Gunter Gabriel. Beide Männer haben Platz genommen. Gabriel sitzt Perceval gegenüber, die Sonne im Gesicht. Noch blinzelt er etwas mühsam ins helle Mittagslicht. „Ich kehre nie dahin zurück, wo ich mal war. Ich gehe auch nicht mehr nach Berlin, da habe ich 15 Jahre meines Lebens verbracht. Was du mal erlebt hast, lässt sich nicht wiederholen. Das ist wie eine Ehe, die nicht mehr zu kitten ist, die ist vorbei, aus. Wenn ich in Hamburg die Leinen los mache, bin ich weg.“

Privatzoo Gabriel

Vom Unterdeck kommt Uwe herauf. Der Elektriker ist Bassist in der Gunter-Gabriel-Band, nebenbei schraubt er an Bord alles zurecht, was andere Handwerker verbrochen haben. Seit 12 Jahren. Am Morgen ist er mal wieder die 150 Kilometer von Hannover nach Harburg gefahren. „Gunter ist ja nie da und kann nicht aufpassen, ob die hier pfuschen. Jetzt muss ich das WLAN wieder an den Start kriegen.“ Uwe kümmert sich um die Elektronik des Kahns so oft er kann, und Gabriel besteht darauf, dass er sich auf ein Stück Erdbeerkuchen dazusetzt.

Ganz so abrupt wie von Ehefrauen und Wohnorten scheint sich Gabriel von seinen Freunden nicht zu verabschieden. Vielleicht steckt ja in dem kompromisslosen Rock’n’Roller doch ein empfindsamer Kern – wie steht es denn mit den zarten Banden der Liebe? „Mein Leben ist megaspannend“, lautet die prompte Antwort, „ich habe einen Privatzoo an Weiberchen. Wenn sich eine unwohl fühlt, sag’ ich Wiedersehen, Neuzugang ist angesagt. Ich sehe das genau wie Hugh Hefner, der Playboy-Chef: ‚Vier Mädels nebenbei sind angenehmer als eine.‘“

An Deck erscheint Elisa und reicht ganz nebenbei Kaffee und Tee. Mit ihren geflochtenen blonden Zöpfen, der rasanten Wildlederkombination und dem perfekten Make-Up erinnert sie an eine Mischung aus Country-Lady und Geschäftsfrau. Sie bewirtet die Gäste, kümmert sich um das Gunter-Gabriel-Office und um ihr eigenes Hausboot, das nebenan vertäut ist. Sie ist Gunters Neuzugang. „Elisa ist doch eine dufte Frau für ein, zwei Tage die Woche, ist doch wunderbar.“

Mehr als ein, zwei Tage die Woche dürfte Gabriel ohnehin nicht erübrigen können. Geschätzte 250 Auftritte im Jahr absolviert der Sänger, darunter immer noch einige seiner berühmten Wohnzimmer-Konzerte, mit denen er sich einst aus dem Schuldensumpf herausackerte. Immer noch wollen viele Fans, auf der eigenen Couchgarnitur sitzend, ihren Gunter live erleben. Das ist kaum zu bewältigen. Aber dieser Kontakt zum Publikum ist ihm wichtig, auch wenn sein Management ihn lieber in vollen Hallen sieht. „Was heißt hier Publikum?“, empört sich Gabriel. „Das Wort ist totale Scheiße. Wenn ich in ein fremdes Wohnzimmer komme, und da sitzt ein Kerl, ein ganzer Mann, und der bricht in Tränen aus, dann ist das kein Publikum, keine amorphe Masse. Tränen sind doch viel geiler als Applaus. Als wir im Kosovo waren und ich da für die Soldaten gesungen habe, hatten die Tränen in den Augen und ich auch. Weil die ihren Arsch hinhalten müssen für uns. Das ist eine wahre Begegnung zwischen mir und dem einfachen Mann. Und hier findet der kaum Anerkennung. Und darüber singe ich. Die Leute sagen: Gabriel – das Schwein –, der sagt die Wahrheit, das lieben wir an ihm.“ Gabriels Stimme hat jetzt den Sound, den man aus seinen Songs kennt. „Wer ist denn der wichtigste Mann im Land? Der Bauer. Denn alles, was wir uns jetzt ins Maul stecken, kommt von dem verdammten Kerl. An zweiter Stelle kommt übrigens der Fernfahrer, der muss den ganzen Ramsch nämlich verteilen, Kuchen, Bier, Klopapier, Möbel, Autos.“

Bildzeitung, Mettbrötchen, Filterkaffee

Dem Fernfahrer begegnet Gunter Gabriel jeden Morgen beim Frühstück in der Baumarkt-Cafeteria gegenüber, bei Bildzeitung, Mettbrötchen und Filterkaffee. Das ist schon fast ein Ritual geworden. – Luk, hättest du auch gern dieses bodenständige Publikum von Gunter? Perceval denkt nach, „Klar, hätte ich gern; ich komme ja selbst aus der Welt der Häfen, Werften und Kneipen. Aber ich spiele nicht im Wohnzimmer und auch nicht im Kosovo, sondern wir sind immer im Heiligen Tempel des Theaters. Da sitzen Leute, die vermutlich keinen 30-Tonner Diesel fahren. Aber ‚Romeo und Julia‘ finden alle traurig. Diesen Punkt zu treffen, an dem sich jeder Mensch emotional berühren lässt, das ist meine Arbeit. Anders als Gunter, der seine Geschichte in drei Minuten erzählen muss, kann ich mir vier Stunden Zeit dafür nehmen. Aber auch mir geht es um die wahrhaftige Begegnung von Künstler und Zuschauer, genau wie im Konzert im Wohnzimmer oder im kleinen Klub. Das klappt aber nicht immer; die Leute müssen mitmachen, sich einlassen. Wir öffnen uns ja auch, jeden Abend auf der Bühne. Aber z.B. bei den Salzburger Festspielen gibt es Leute, die zahlen 250 Euro für eine Karte, die gehen ins Theater, um zu zeigen, wie viel Geld sie haben“, Perceval denkt kurz nach, „und auf der anderen Seite gehen Leute nicht ins Theater, weil sie fürchten, nicht zu der intellektuellen Elite zu gehören.“

Heilige Tempel und Scheiß-Ruinen

„Naja, ein bisschen Bildung brauchst du schon,“ gibt Gabriel zu bedenken; er hat aufmerksam zugehört, „sonst fährst du durch Rom, am Kolosseum vorbei, und denkst: was ist das denn für eine Scheiß-Ruine hier. Ich habe ja alle meine vier Kinder mit Kultur ausgestattet: Alle Langspielplatten von Elvis, alle Langspielplatten von Johnny Cash, Meyers Reiselexikon, Erich Kästners ‚Lyrische Haus apotheke‘ und Ernest Hemingways ‚Der alte Mann und das Meer‘. Das muss man kennen!“ Gabriel ist in seinem Fahrwasser. „Einfache Leute für so was zu gewinnen, das ist doch unser Auftrag. Den Bildungsbürgern, die eh gern ins Theater gehen, denen brauchst du so was wahrscheinlich nicht zu erzählen. Ich z.B. habe vor Kurzem die ‚Schachnovelle‘ im Theater gesehen, die kannte ich gar nicht. Danach habe ich das Buch gekauft und mich schlau gemacht, warum das Buch so wichtig ist. Anlass war allerdings, dass ich herzlich dazu eingeladen wurde.“

Trucker, Bildungsbürger, Knastologen, Punks

Den Bildungsbürgern begegnet Gabriel nicht nur im Theater, sondern auch auf seinen eigenen Konzerten, spätestens seit der neuen CD „Sohn aus dem Volk “ mit gecoverten Songs von Peter Fox, Ideal u.a. Dort treffen sie möglicherweise auf Punks, die seit ein paar Jahren dem Werk Gabriels huldigen und wiederum seine Songs covern. Bela B. von den „Ärzten “ bezeichnet Gabriel als den ersten deutschen Punk. Wie fühlt es sich an, Lieder für den einfachen Mann auch vor Anzugträgern zu singen und aus heiterem Himmel zur Kulturfigur zu werden? „Ich hätte nie gedacht, dass ich irgendwann hier sitzen würde und sich das Feuilleton für mich interessiert. Ich habe immer einfach gesungen, was ich wichtig fand, was anderes ist mir gar nicht eingefallen. Ich konnte gar nicht lyrischer schreiben, ich war ja froh, dass der Trucker auf mich abfährt. Mir ging’s wie Johnny Cash: als der merkte, dass er bei den Knastologen mit ‚Folsom Prison Blues‘ gut ankam, hat er das forciert. Wenn meine Lieder jetzt auch bei anderen gut ankommen – prima.“

Die Runde ist mittlerweile bei Antipasti angekommen; auch Elisa setzt sich. Harald und Simone kom men auf ihrer Kawasaki vorbei; wieder Bekannte aus alten Zeiten. Gabriel kennt Simone von klein auf. Ihr Vater, Regisseur Sigmar Börner, erfand mit Chris Howland die Sendung „Musik aus Studio B“; damals war Gabriel noch Kabelträger. Jetzt holt er für Simone eine Bierbank aus dem Studio hinter sich, man rückt zusammen. Gläserklirren, Stimmengewirr, ab und an ein lautes Lachen und natürlich Gabriels sonorer Bass übertönen die Hafengeräusche. Perceval entdeckt ein altes Lotsenboot zum Verkauf. „Völlig überteuert!“, warnt Gabriel, „da hinten, der Holländer: auch noch zu teuer, aber den will der Eigner schon seit Jahren loswerden; noch ein halbes Jahr, dann kriegst du den für die Hälfte.“ Vorerst verzichtet Perceval auf den Kauf und bleibt schön in Deutschland, auch wenn seine belgischen Freunde sich fragen, wie er es hier aushält, wo das Essen so miserabel ist. Gabriel nimmt einen Schluck aus seiner Tasse Dornfelder Rosé und lehnt sich in seinen Plastikstuhl zurück. „Das mit Paris ist auch Spinnerei, ob ich da jemals hinfahre, steht in den Sternen.“


Von Ursula Steinbach & Andreas Brüggmann