Von
Gotthold Ephraim Lessing
Mit dem Sekundärdrama "Abraumhalde" von Elfriede Jelinek
„Nun wessen Treu und Glauben zieht man denn / am wenigsten in Zweifel? Doch der Seinen? (…) Doch deren, die uns nie getäuscht, als wo / getäuscht zu werden uns heilsamer war?“ Gotthold Ephraim Lessing
Es brennt. Schon einmal hatte es gebrannt. Nathans Frau und die gemeinsamen Söhne sterben in den Flammen. Nur Nathan überlebt. Er scheint verdammt, weiterzuleben, auch wenn das „nackte Nichts“ an die Stelle tritt, wo ehemals sich Sinn ereignete. Aber Lessing lässt Nathan sich das Leben zurückerobern – Lessing widmet diesem Kampf um Wiedererlangung der Würde, um Wiedererlangung des Glaubens an den Menschen sein Stück.
Ziehtochter Recha ist hierzu Nathans Heilsweg. Denn das ist das Unfassbare: Nathan wird sich einer Christin annehmen, auch wenn Christen es waren, die seine Familie, den Sinn, am Leben zu sein, auslöschten. Nathan wird die junge Recha aufziehen, als wäre es die eigene Tochter. Durch sie wird die Wahrscheinlichkeit Nathan erst zur Wirklichkeit Nathan. In Recha überwindet er das, wie es scheint, Unüberwindliche: dass die Geschichte stets wiederkehrt, dass Gleiches sich stets mit Gleichem vergilt. Nathan setzt eine Metaphysik der aufgeklärten Selbstüberwindung gegen die nackte Physik der Selbstbehauptung und das in Zeiten, da Kreuzzüge Häuser wieder abbrennen. Da ein Sultan Tempelherren hinrichten lässt, und Tempelherren Waffenruhen brechen. Nathan gibt ein Versprechen: dass der Mensch in Würde frei sein kann, frei von jeder diesseitigen wie jenseitigen Bevormundung, befreit von jeder Abhängigkeit, frei aus sich selbst heraus. Dass der eine und der ganz andere sie selbst, und sie beide darin grundverschieden sein können und doch eines beide zusammenhält: ein Mensch zu sein. Es ist ein Versprechen. Und ist auch ein unmissverständlicher Anspruch: die Erziehung eines Menschengeschlechtes.
„Nathan der Weise“ ist eine Zusammenarbeit mit dem Schauspiel Köln.
Premiere Thalia 3. Oktober









aus dem Gästebuch, 27.10.09
Wir sitzen im Theater und es wird in einer längeren Sequenz Nathan als Hörspiel vorgetragen. Stimmen, nur aus dem Off . Es entsteht eine körperlich spürbare, sich langsam selbst bebildernde Atmosphäre. Man spürt den Text, der sich allein durch Stimmen Raum schafft, aus der Immateriellen in die Materielle Welt hinübergleitet. Geheimnisvoll, transzendent.
Nathan der Weise, ein heeres Konzept, eine Vision daß alle Menschen Brüder werden, oder sind.(?) Der Gott des Einzelnen übergeht in ein großes Ganzes. Eine Utopie. Ein irrsinniger Anspruch, eine Vorlage, an der man/wir nur scheitern können. Eine Mission, unerfüllbar?.
Die unglaublich schönen Worte fließen, unwirklich fern, unwirklich abstrakt auf uns zu. Dieses Luftschloß, Gebilde nur aus Worten baut sich auf, wächst in den Raum hinein und bleibt dort fragil, spürbar stehen. Es eröffnet sich die Frage ist dieses Konstrukt belastbar? Hält es stand? Ist es das Bollwerk, das uns vor großem Schaden schützt?
Das Ensemble tritt auf, der Text wird durch körperlichen Einsatz unterschrichen, dann wieder nur Text , nur diese wunderbaren Stimmen, dieser Überbau, illusionsgelader Träumereien.
Ja, und dann kommt Elfriede’s Abraumhalde. Sie hat kein Erbarmen, sie hat einen geschult scharfen Blick für Wirklichkeiten oder scheinbare Wirklichkeiten. Sie ist die Echtzeit, die Realität. Bei ihr ist die Schönheit längst gestorben, der Mantel, der Tatsachen der Grausamkeit im Allgemeinen zudeckt und von uns fernhält, verschlissen. In diese Echtzeit erscheinen Nathan und Recha in traditionellen Kostümen, sie geistern über die Bühne auf der Gegenwartsebene, sie versuchen einen Teil des einstürzenden Hauses zu retten. Sie sind Geister der Vergangenheit und werden durch die auf sie einstürzende Gegenwart begraben. Jelinek bemüht alle Schreckensfernsehbilderflut der Gegenwart, hier kann selbst der gläubigste Mensch nur leise die Hände falten und versuchen, unbeschadet davonzukommen.
Doch nachdem der Mob gewütet hat und der Rauch verzogen ist, kommen wieder die Stimmen aus dem Off, unbeirrt …. Ist es Versöhnung mit der Geschichte, oder ist es die Utopie, die sich nicht geschlagen gibt. Können wir hoffen, oder sollen wir es sogar, daß es möglich ist, möglich sein könnte, wirklich, wirklich einander zu erkennen, als Mensch und als Partner.
Fragen, die dieser Theaterabend aufwirft, werden nicht beantwortet, es ist aber gut, daß sie gestellt wurden.
Stemann gewohnt politisch, ästhetisch, mit einem brillanten Schauspielteam.
Rosabel Verde, 29.10.09
Anita Hass, 14.11.09
Peter Theele, 31.12.09
Christopher von Bar, 17.02.10
Christian Zacharias, 18.02.10