Die aus dem Afghanistankrieg zurückkehrenden Bundeswehrsoldaten drängen immer stärker in das gesellschaftliche Bewusstsein. Höchste Zeit. Die Eröffnung des Berliner Traumazentrums für Bundeswehrsoldaten letztes Jahr ist dafür nur ein Anzeichen.
Über die Generation der Heimkehrer aus einem anderen Krieg schrieb schon 1946 der 26-jährige Hamburger Wolfgang Borchert. Ganz ohne Traumaforschung machte er die Rückkehr des Kriegsheimkehrers Beckmann nach Hamburg als Albtraum erfahrbar. Wie im Fieber wandert er durch die Straßen eines verlorenen Gestern und bleibt doch im Dazwischen stecken: zwischen Leben und Tod, Vergangenheit und Gegenwart, Traum und Realität. Gepeinigt vom immer gleichen Traum, in dem die Toten schreien und ein schauerliches Konzert auf einem Xylophon aus Menschenknochen gespielt wird, sucht er voll Verzweiflung nach einem Ort, wo all das aufhört. Gibt denn keiner, keiner Antwort?
In Luk Percevals Inszenierung wird dieses Dazwischen zum absurden Zirkus, zum szenischen Konzert, in dem das bisherige Leben in Traumbildern an uns vorbeizieht. Beckmann singt, schreit, flüstert und dichtet sich die Verzweiflung von der Seele. Das Requiem eines Anfängers. Ein Konzert. Felix Knopp ist gleichzeitig Beckmann und Sänger der Band „My Darkest Star“ (in der Thalia Zentrale seit über vier Jahren erfolgreich mit „A trip along Depeche Mode“), deren Musik ihn auf einen Albtraumtrip schickt. Kein Entkommen. Und über ihm schweben und um ihn herum tanzen die Engel, Menschen mit Down-Syndrom aus den Eisenhans-Theaterprojekten, die zum ersten Mal auf der Thalia Bühne stehen. „Sie sind Anfänger? Ja, mein Bester, so leicht geht die Sache im Leben aber nun doch nicht. Nein, das denken Sie sich doch wohl ein bisschen einfach.“
Mit Darstellern aus den Eisenhans-Theaterprojekten
Nora Fiedler, Josefine Großkinsky, Nikolas Gerlach, Mila-Zoe Meier, Joana Orth, Paul Kai Schröder, Daniel Tietjen, Swatina Wutha
Musik My Darkest Star
Musikregie Paul Lemp / Stefan Wulff
Premiere am 2. April 2011 im Thalia Theater
Bei der Kritikerumfrage von Theaterheute zu den Höhepunkten der Saison 2010/2011 wurden Felix Knopp und Barbara Nüsse für ihre Rollen in "Draußen vor der Tür" als beste Schauspieler genannt. Katrin Brack wurde für das beste Bühnenbild vorgeschlagen.
Einladungen:
Festspiele Ludwigshafen
Theater im Pfalzbau
22. November 2011
Lin Zhaohua Theatre Festival
Beijing People’s Art Theatre
Peking, China
6. und 7. Dezember 2011
Landestheater Niederösterreich
St. Pölten, Österreich
12. und 13. Januar 2012
2. Siegener Biennale
Apollo Theater Siegen
7. April 2012













Ich war gespannt, ob dasThema "draußen"und " vor der Tür" eine aktuelle Bearbeitung findet, weil "draußen" und "vor der Tür" bezüglich täglicher Nachrichten und Befürchtungen so aktuell ist.
Nein. Es war original Borchert und Beckmann, ein unglaublicher Schrei vom Menschen, der sich nicht dem Ort, dem Befehl, der Tataufforderung widersetzen konnte, auch nicht freillig - mit mehr Sold - diesen Horror gewählt hat. Es war ein hoch aktueller Schrei in die Welt, zu realisieren, dass politische Verantwortung jeden Krieg vermeiden muß. Sehr glaubhaft, unglaublich gut mit Einsatz und Können und Passion vorgetragen. Man sollte ganz still gehen, vielleicht allein. Vielen Dank !
horst wietelmann, 12.02.12
Aus dem Gästebuch, 12.01.12
Das von Katrin Brack eingerichtete Bühnenbild mit dem überdimensionalen Spiegel erzeugt eine Atmosphäre, die einer gewissen Ambivalenz nicht entbehrt: Zum einen wird der Zuschauer emotional durch die Unheimlichkeit des Raumvolumens, die Dunkelheit und Leere der Bühne auf eine zerbrochene Welt und die an sie geknüpften Albträume, von denen der Protagonist Beckmann verfolgt wird, eingestimmt. Auch die lautsprechermodulierten Stimmen der Akteure sowie die z.T. phonstarke Musik der Band mit dem Namen „My Darkest Star“ lassen Düsternis, Schwere, den Abgrund zwischen Leben und Tod spürbar werden. Auf der anderen Seite bringt sich mit dem genannten Requisit des Spiegels ein rationales Moment, ein Element der Verfremdung als Reminiszenz an Brecht, so möchte man sagen, zur Geltung, stellt sich dem Zuschauer doch gleich die Frage nach dem „Warum“. Die Antworten werden im Verlauf des Stückes durch dessen Dramaturgie selbst in Verbindung mit den hervorragenden schauspielerischen Leistungen der Hauptdarsteller Felix Knopp, Barbara Nüsse und Peter Maertens gegeben. Es geht um Rück- und Widerspiegelung, auch um die Reflexionen des Publikums, es geht zudem – und dieser Gedanke ließe sich an die sach- und zeitbezogene Interpretation des Stückes anschließen, er wird zudem durch die Inszenierung nahegelegt - um die im Spiegel von Vergangenheit und Geschichte zu deutenden Entwicklungen, Irrwege, Krisen und Abgründe der Gegenwart. Insofern stößt die Inszenierung rezeptionsästhetische Transformationsprozesse an – wenn das einmal so hochtrabend ausgedrückt werden darf -, auf die in manchen Kommentaren zum vorliegenden Theaterstück auch zumeist implizit hingewiesen wird. Und was soll das heißen? Die aus dem Afghanistan-Krieg zurückkehrenden Soldaten wie überhaupt Kriegsheimkehrer auf allen Kontinenten der Erde dürften ähnliche traumatische Erfahrungen wie Beckmann gemacht haben, stehen vor den Trümmern einer in Aufruhr geratenen Welt, in der Regel mit allen persönlichen Konsequenzen, wie sie auch Beckmann spüren muss. Beschädigung, Spaltung, gar Verlust von Identität sind die Folgen, sind bleibende Spuren menschlicher Verblendung, ja menschlichen Wahnsinns, der in Gewalt, Krieg und Zerstörung seinen Ausdruck findet.
Insofern ist die Frage „Gibt denn keiner Antwort?“ nicht nur Frage einer ganzen Generation, wie gelegentlich gesagt wird, d.h. Frage der Zeitgenossen Beckmanns. Vielmehr handelt es sich hier auch um eine Suchbewegung, die transzendiert, die verallgemeinerungsfähig ist. „Gibt denn keiner Antwort?“ wird ebenfalls Frage künftiger Generationen sein, wobei Not und Elend nicht nur aus Kriegsgeschehen, sondern auch – sofern nicht hinreichend Prävention geschaffen wird - aus Unglücken, Terror und Umweltkatastrophen resultieren werden.
In einer Gesellschaft, wie sie in Wohlstandsgebieten heute vorherrscht und die die Aufmerksamkeit ihrer Mitglieder in erster Linie auf Konsum und Ökonomie lenkt, dürften die durch den Duktus des vorliegenden Dramas insgesamt aufgeworfenen Fragen längst nicht allen Bürgern auf den Nägeln brennen. Gleichwohl: Hier zu einem entsprechenden Bewusstsein für die aus Krieg und Zerstörung resultierenden Erschütterungen des Menschen beigetragen zu haben, sollte als bleibende Leistung sowohl des Stückes wie auch der Inszenierung von Luk Perceval besonders hervorgehoben werden.
Der Beifall des Publikums für die Aufführung, insbesondere für das schauspielerische Engagement, nicht zuletzt auch für die Eisenhans-Darsteller, war groß, und dies zu Recht!
Michael Pleister, d. 6. Januar 2012
Michael Pleister, Dr., 07.01.12
Aus dem Gästebuch, 24.10.11
Theater lebt durch das gesprochene Wort. Wenn dieses geschrien, verzerrt, geflüstert oder gehaucht wird, so dass man es nicht mehr verstehen kann, dann...
Die Lautstärke grenzte an Körperverletzung. Das muss nicht sein.
Aus dem Gästebuch, 24.10.11
Aus dem Gästebuch, 24.10.11
Der Gedanke ist eindrucksvoll herübergekommen. Danke an die wunderbaren Spieler!
Aus dem Gästebuch, 10.10.11
Allerdings ist die Lautstärke und die Basseinstellungen unerträglich. Die Bassvibrationen knallen dem Zuschauer so penetrant entgegen, dass ich (in der 17. Reihe) am ganzen Körper zitterte. Weil es nicht auszuhalten war, musste ich die anderen Zuschauer aus ihren Sitzen scheuchen, um den Zuschauerraum verlassen zu können. Draußen habe ich am ganzen Körper gezittert und es hat ziemlich lange angehalten. Für die Inszenierung ein gelungener Effekt. Für mein körperliches Wohlbefinden eine echte Zumutung. Schade um das wirklich gute Stück. Ich hätte es gerne bis zum Schluß gesehen.
P.S.: Ich höre selbst Hartrock und als Pädagogin bin ich täglich mit übermäßiger Lautstärke konfrontiert. Also nichts mit Lärm empfindlich.
Aus dem Gästebuch, 10.10.11
Mareen Z, 09.10.11
Ursula Sinemus
Ursula Sinemus, 18.06.11