Als Lessing 1767/1768 am Deutschen Nationaltheater in Hamburg angestellt war, verfasste er die „Hamburgische Dramaturgie“, eine kritische Auseinandersetzung mit dort aufgeführten Stücken und Dramentheorie. Auch die Lessingtage werden ständig kritisch begleitet - nicht mehr auf Papier gedruckt, sondern in Form eines Blogs hier auf der Seite, geführt von fünf Studierenden aus dem Masterstudiengang Journalismus der Hamburg Media School (www.hamburgmediaschool.com): Nina Draxlbauer, Katharina Finke, Jannis Frech, Katharina Hamberger und Dennis Sand. Immer aktuell und mitten aus dem Geschehen – Lessing 2.0.

Down by Lessing

Theater wo es hingehört. Unter die Bürger. Notizen zur Performance am Gänsemarkt.

Da sitzt er seit einem Jahrhundert bereits bücherlesend und unbeachtet über den Köpfen der Hamburger. Heute soll sich das ändern und so schlittern bei Minustemperaturen die Zuschauer von Grundschulklasse bis Kulturrentner auf den Gänsemarkt. Die restlichen werden abgeholt: Vor Ort, von der Straße, vom Shopping und vom Restleben. Die Spektakelstehnbleibmenschen reihen sich an die Kulturfreunde, an die Neugierigen. Hamburg steht, Hamburg friert, Hamburg schaut. Theater. Mitten drin. Ja, unter dem Motto: Draußen am Denkmal wird am Gänsemarktdenkmal eine halbe Stunde lang Lessing performt.

Und, wie bequem, gleich mal ein paar Selbstverständlichkeiten neu durchdacht. Die Frage nach Toleranz ist die Frage nach den Ketten die uns binden. Oder wie es bei Lessing heißt: „Es sind nicht alle frei, die ihre Ketten spotten.“ Vor allem nicht frei von Intoleranz. Eine performative Sichtbarmachung in Michael Myers Maske. Motto: Neudenken. Mission: erfüllt. Klatschen gegen die Kälte (und für die Kultur, natürlich). Und dann noch das Marschieren gegen das Vergessen. Die Fachschule Sozialpädagogik verdeutlicht die Sinnentleerung des Denkmals und konfrontiert die Bürger mit der gewohnten Selbstverständlichkeit der thronenden Steinstatue. Der Aufklärer wird vom Mahnmal zurück in das Bewusstsein der Menschen geholt. Zum Schluss dann die musikalische Untermalung von „Bitte Lächeln“. Trotz Temperaturen mitwippen, mitklatschen, mitfreuen. „Gänsemarkt-Blues“: gelungen. Und „Denk mal an das Denkmal“ bringt diesen Freitagmittag in wortspielerischer und gut getakteter Musikalität auf den intendierten, ja bitte: Punkt. Endlich mal Ursprung: Eine gelungene halbe Stunde, die Lessing vom Bronzesockel holt und das Theater dahin bringt wo es hingehört. Auf die Straße. Unter Menschen. Eindringlich und ungeschminkt, Laut und lebensnah. Reality Now. Das sind 30 Minuten Kulturgutrealität mitten im Leben. Hier am Gänsemarkt: Down by the Lessing.



Dennis Sand

06. Februar 2010 / 15:58 Uhr / Alle, Lessingtageblog

 
 
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