
Lessing hat in paradoxer Personalunion beides zugleich getan: ein Nationaltheater gegründet und ein Gegenforum geschaffen: die Kritik. Die „Hamburgische Dramaturgie“ ist ein klares Statement für Diskurs und Streitkultur und eine der Geburtsstunden des Journalismus. Im Sinne Lessings schafft das Thalia Theater so seine eigene kritische Öffentlichkeit.
Der Hamburger Künstler Hartmut Gerbsch zu "Invasion"
... es kommt der Herr..., nein, ein gewisser Abulkasem. In vielfacher Gestalt tritt er auf und wird von ihm berichtet, je mehr Rollen es werden, desto klarer formuliert sich die Botschaft an uns: reflektiere und glaube nicht, was Du siehst und was Dir vorgespielt wird.
In der Buchvorlage „Invasion“spielt das Thema islamischer Terror eine zentrale Rolle. In der Inszenierung dagegen ist die Frage nach der Identiät eines Menschen das, was am Ende eines schnellen und intensiven Stücks zurückbleibt. Ich finde, das ist sehr wichtig, sonst bestünde die Gefahr, politisch korrektes Theater zu machen, ohne Glaubwürdigkeit zu erzielen. Oder anders gesagt: Theater mit didaktischem Anspruch. Der Regisseur Antú Romero Nunes zeigt aber angenehmer Weise nicht mit erhobenem Zeigefinger in Richtung „11. September“. Dazu kommt, dass er mit deutschen Schauspielern besetzt, die offensichtlichen keinen Migrationshintergrund haben. Der Regisseur Antú Romero Nunes und der Autor Jonas Hassen Khemiri haben beide Migrationshintergrund. Gleich zu Beginn des Stücks überzeugt mich der Berliner Türken-Slang nicht. Ist das womöglich eine absichtliche Brechung?
Der Zuschauer wird zum aktiven Teilnehmer des Stücks, indem er auf freche Weise aus der Reserve gelockt wird. Später wird er aufgefordert, eine Frage zu formulieren und so in das Stück eingebunden.
Durch ständiges Anschalten der Arbeitsbeleuchtung in der großen Garage wird der Zuschauer immer wieder aus den Szenen gerissen und ins Hier und Jetzt zurückgeholt. Sobald eine Möglichkeit zur Identifikation mit einer der jungen Figuren entsteht, landet man sofort wieder in der „Garage“. Mit jeder Brechung wird ein Rollen- und Szenenwechsel vollzogen. Trotz des wunderbar nüchternen Raums provoziert Nunes so eine permanente Auseinandersetzung über Rollen- Selbstverständnisse und Klischees. Wie beim analytischen Theater von Brecht geht es Nunes in seiner Inszenierung um distanziertes Nachdenken anstatt darum, den Zuschauer in die Tiefe einer Geschichte zu ziehen. Es gibt einen permanenten Rollenwechsel der Schauspieler und einen Reigen der Entwicklungsmöglichkeiten.
Genauso wird auch der karge Raum mit seinen Ausbau-Möglichkeiten konfrontiert. Die Bühnengestaltung ist sparsam, es werden nur 4 Requisiten eingesetzt.
Nur in einer Szene werden die dramaturgischen Möglichkeiten der Bühnentechnik zur kurzfristigen Illusionierung voll ausgeschöpft. Auch diese Szene ist gross, weil sie mit so geringen Mitteln so imposant auftrumpft und zeigt, wie eine effekthascherische Inszenierung aussehen könnte. Immer wieder wird der Rezipient dazu gebracht, zu reflektieren und eine eigene Haltung zu entwickeln. Er wird sogar in die Entwicklungsphase der Inszenierung einbezogen und die Schauspieler spielen mit ihrer (vermeintlich) wahren Identität („das warst jetzt ganz Du, Mirko“). Direktheit und Bodenständigkeit stellen hier eine intensive Nähe her.
Die uniforme und neutrale Kleidung der Schauspieler ermöglicht einen ständigen Rollenwechsel. Nunes zieht das Stück aus dem schwedischen Original zu großen Teilen an Hamburger Schauplätze und schafft so lokale Identifikationsmöglichkeiten. Ein grosser Wurf ist die Öffnung des Bühnenraums durch die Erweiterung in den Öffentlichen Raum. Dadurch werden auch die Theaterrealität und die Fragen des Stücks mit der Welt „draussen“ konfrontiert.
Profile auf facebook und Identitäten im Netz sind frei formbar. Unsere Rollen sind vielfältig. Kind, Freund, Kollege, Nachbar, Kunde usw. sind Rollenerfahrungen, die jeder macht. Auch die Arbeitswelt verlangt schauspielerische Fähigkeiten, um überzeugend ein Produkt zu vertreten, auch, wenn man sich deutlich anders fühlt. Die Reflektion dieser Thematik ist dem Regisseur geglückt und der xenophobische Part des Stücks in den Hintergrund getreten. Die Themen Integration, kulturelle Identität und religiöser Extremismus stehen im Mittelpunkt des Originaltextes. Die Inszenierung verläßt aber diese Schwerpunkte und schafft es so, die Hürde schwieriger Klischees zu nehmen und stattdessen authentische Intensität zu vermitteln.
Auf dem Teppich geblieben und Tore aufgemacht! Puschig!
Hartmut Gerbsch ist Künstler und Teil des Hamburger Projekts "Dura Lux"
22. April 2010 / 00:42 Uhr / Alle, Hamburgische Dramaturgie

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