Pressestimmen zu Macbeth, Premiere Ruhrtriennale

Pressestimmen zu Macbeth, Premiere Ruhrtriennale



Indem Macbeth Leben zerstört, behauptet der von Angst getriebene Held seinen eigenen Überlebenswillen. Das, so der Regisseur im Programmheft, sei „die antibuddhistische Haltung von Macbeth“. So absichtsvoll dies als Tribut an das Motto „Die Suche nach dem Jetzt“, unter dem sich die Ruhrtriennale in diesem Jahr dem Buddhismus zuwendet, erscheinen mag, so sehr erwächst daraus eine stimmige und emotional intensive Inszenierung. Es dauert lange, ehe Lady Macbeth ihren Mann erst aus der Sprachlosigkeit, dann aus der Schockstarre gelöst hat. Und sofort kippt die Party in ein düsteres Seelendrama, in eine Erkundung des Vor- und Unbewussten. Die Regie, die mit sieben Darstellern auskommt, aber dazu neun Hexen aufbietet, konzentriert sich ganz auf die seelischen Innenräume des Dramas und führt […]seine Hauptlinien in klaren, scharfen Konturen aus. […] Kein Blutrausch, keine Waffenschau, kein Hexenelixier. […] Der Monumentalist Luk Perceval […] hat sich zum ingeniösen Minimalisten gewandelt. Seine bildmächtige Inszenierung des „Macbeth“ […] ist kein Schloss, doch sein Schlüssel passt.

Frankfurter Allgemeine Zeitung

Bruno Cathomas ist das Gravitationszentrum dieser Inszenierung, ein Titelheld, der den Namen verdient. […] Es ist das Verdienst der Inszenierung, dass sie formale Klarheit bemüht, um das Unklare dieses kapitalen Kopfes herauszustellen. […] Luk Perceval zeigt „Macbeth“ als Drama des verpassten Moments. Er wolle mit Banquo „über alles sprechen“, kündigt Macbeth früh an, „wenn Zeit ist und die Zwischenzeit vorbei“. Die Zeit kommt aber nie. Und mit ihr auch kein Rat. Nur in ewiger Zeitlupe gedehnte Ratlosigkeit. Das aber eben ist kein Versehen dieses Abends, sondern sein stiller Triumph.

Die Welt

Luk Perceval hat den großen Konflikt gewagt […] zwischen riesigem Raum und winzigen Menschen. […] In der Maschinenhalle Zweckel, einer morbid-schönen Industrie-Basilika von 1909, ist das Schottische Hochland eine stillgelegte Landschaft. Aus rund hundert Tischen hat Annette Kurz ein Gebirge in die Halle gebaut und den Boden mit Bergarbeiterstiefeln übersät. In dieser melancholischen Installation wird verharrt und geflüstert, als ginge es in „Macbeth“ um Pietät.

Süddeutsche Zeitung

Das Publikum spendet nach der Premiere der Neuinszenierung bei der Ruhrtriennale in der ausverkauften Maschinenhalle Zweckel in Gladbeck langen Beifall. […] Die radikal verkürzte Fassung von Luk Perceval arbeitet heraus, dass weder Macbeth noch seine Frau in der Lage sind, die Verbrechen, die sie auf ihr Gewissen geladen haben, kaltblütig zu tragen. Sie scheitern in dieser Fassung mehr an ihrer Sensibilität als an ihren Gegnern. […] Das Spiel des Ensembles hat […] fesselnde Aspekte. […] Vor allem die großen Monologe kommen in ihrer Verdichtung klar über die Rampe.

dpa

So spektakulär die Bühne auch aussehen mag, so geheimnisvoll ist die Ruhe, die sie transportiert. Kein Tisch wackelt, niemand stolpert über Schuhe, kein Weinglas fällt klirrend zu Boden. Tänzerinnen mit fußknöchellangen Haaren winden sich extrem verlangsamt und traumbildartig durch die Tischskulptur. Diese Hexen sprechen nicht, sie verkrampfen lediglich, wenn Macbeth Banquos Geist erscheint. Als wäre nicht genug Platz für alle in einem Hirn. Denn es sind ebensolche Kopfgeburten, Geschöpfe der Einbildungskraft, Gespenster der Angst.

Nachtkritik

Perceval inszeniert Macbeth […] als einen Mann in Not, zuerst als stummen Kriegsheimkehrer, als schwermütigen Grübler, später als ängstlichen Schwarzseher. […] Bruno Cathomas und Maja Schöne bilden ein grandioses Gegensatzpaar: apathische Abgründigkeit trifft auf aggressive Anstachlerin. Das ist viel mehr Freud als Buddhismus, und ermöglicht großartige Bilder, vor allem misslingender Liebe. […] Luk Perceval erweist sich wieder als einer der intensivsten Theaterregisseure deutscher Sprache, der hier ein buddhistisches Ziel ganz sicher erreicht hat: Er nimmt uns die Angst vor der Stille.

Deutschlandfunk

Wer Kriegsgeschrei und Waffenlärm erwartet, wird enttäuscht. Dieser „Macbeth“ ist verblüffend leise, entschleunigt, nach innen gerichtet. […] Die Mikroports der Schauspieler sind hier nicht leidiges Hilfs-, sondern raffiniert genutztes Stilmittel. Man spricht leise, flüstert, lässt uns beim Denken zuhören. […] Dieser „Macbeth“ ist nicht nur ein finsteres Nachtstück, sondern ein atemberaubendes Nachtgedankendrama aus dem Innern des Bösen. Erstaunlich, wie faszinierend das Dunkel in dieser Aufführung leuchten kann!

Wiener Zeitung

Nun hat Luk Perceval alle vier großen Shakespeare-Tragödien inszeniert […], es ist einer der großen Shakepeare-Zyklen unserer Zeit. Percevals Shakespeare ist kein Elisabethaner und nicht unser Zeitgenosse. Er ist ein Maler finsterer Archetypen, verdrängter Seelenzustände, brummender Urängste. Perceval geht zu Shakespeare, um unsere Angst vor uns selber noch einmal hervorzuholen. […] Die Maschinenhalle in Gladbeck Zweckel, vom Beginn des letzten Jahrhunderts, ist neogotische Industriearchitektur, ein sakraler Maschinenraum sozusagen, heiliger Backstein. […] Einen riesigen Berg alter Tische hat Annette Kurz da aufgetürmt, dazu Gläser, Rotweinflaschen, ein Meer schwarzer Stiefel. Vor dem Fest, nach der Schlacht? Ein gigantisch-enigmatisches Denkbild.

Frankfurter Rundschau

Ruhrtriennale goes Zen
Leere und Stille sind für Luk Perceval der Schlüssel für sein hochwirksames „Macbeth“-Konzentrat in der auratischen Maschinenhalle der Zeche Zweckel in Gladbeck, die Annette Kurz zu einer atemberaubenden Installation gemacht hat. […] Durch die Fenster zeichnet anfangs das Abendrot lange Schatten, später bestrahlt fahles Scheinwerferlicht die endzeitliche Szenerie.

Tageszeitung

Mit Bruno Cathomas […] stellt Perceval einen robusten Macbeth auf die Bühne, keinen Kränkler, keinen zaghaften Verführten, sondern einen mannhaften Heerchef. Umso eindringlicher ist es mit anzusehen, wie er Opfer der eigenen Taten wird, zermalmt von der Maschinerie der Gewalt, in die er sich doch bewusst begab. Maja Schöne ist die stolze Strategin an seiner Seite. Auch sie spürt den Sog der Macht, hat Ehrgeiz, Eis im Blut, doch als Macbeth nicht umgehen kann mit seinen Taten, erträgt sie ihn nicht mehr. Längst weiß sie, dass ihr Streben nach der Krone hohl ist. […] Maja Schöne spielt das bezwingend und kostet die klugen Sätze Shakespeares aus. […] Wer sich darauf einlässt, erlebt einen ungemein introvertierten, innerlich bebenden Macbeth, den die Erinnerungen an das Töten plagen und die Angst vor den Morden, zu denen er sich verdammt fühlt. Am Ende kann er nur noch schreien. Und endgültig fällt die Nacht in die Maschinenhalle Zweckel.

Rheinische Post

Lange vorher ausverkauft war die Premiere von Macbeth in der Maschinenhalle, inszeniert von Luk Perceval mit dem Thalia-Theater Hamburg. […] Die Bühnenbildnerin Annette Kurz schuf hier eine monumentale Kulisse für Mord und Totschlag. […] Man braucht eine Weile, bis man sich hinein denken kann in diese Inszenierung. Dann aber zieht sie den Zuschauer umso mehr in ihren Bann. […] Doch mit Macbeths Macht kommt auch der Wahn, dem seine Frau, Verbündete und Feindin zugleich, zuerst erliegt. Sie begeht Selbstmord. Tot hält Macbeth sie in seinen Armen. Ein Moment, der keinen der Gäste kalt lässt. […] Das Licht geht aus. Die ganze Halle liegt im Dunkel. Doch noch traut sich keiner, das zweistündige Schweigen zu brechen. […] Jubelrufe.

DerWesten



09.09.2011 / 16:47 Uhr / Pressestimmen
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