Gotthold Ephraim Lessing

Gotthold Ephraim Lessing

„Ich bin 47 Jahre alt. Ich habe ein/zwei Dutzend Puppen mit Sägemehl gestopft das mein Blut war, einen Traum vom Theater in Deutschland geträumt und öffentlich über Dinge nachgedacht, die mich nicht interessierten. Das ist nun vorbei. Gestern habe ich auf meiner Haut einen toten Fleck gesehen, ein Stück Wüste: das Sterben beginnt. Beziehungsweise: es wird schneller. Übrigens bin ich damit einverstanden. Ein Leben ist genug. Ich habe ein neues Zeitalter nach dem anderen heraufkommen sehen, aus allen Poren Blut Kot Schweiß triefend jedes. Die Geschichte reitet auf toten Gäulen ins Ziel. Ich habe die Hölle der Frauen von unten gesehen, 30 Jahre lang habe ich versucht, mit Worten mich aus dem Abgrund zu halten, brustkrank vom Staub der Archive und von der Asche, die aus den Büchern weht, gewürgt von meinem wachsenden Ekel an der Literatur, verbrannt von meiner immer heftigeren Sehnsucht nach Schweigen. Ich habe die Taubstummen um ihre Stille beneidet im Geschwätz der Akademien. Ich fange an, meinen Text zu vergessen. Ich bin ein Sieb. Immer mehr Worte fallen hindurch. Bald werde ich keine andere Stimme mehr hören als meine Stimme, die nach vergessenen Worten fragt.“ (Heiner Müller, Leben Gundlings Friedrich von Preussen Lessings Schlaf Traum Schrei)

Gotthold Ephraim Lessing (1729 – 1781) ist durch Dramen wie „Nathan der Weise“, „Emilia Galotti“ und „Minna von Barnhelm“ einer der wichtigsten Autoren der deutschen Aufklärung. Am Deutschen Nationaltheater in Hamburg, das nach zwei Jahren augrund finanziellen Misserfolgs geschlossen wird, verfasst er 1767/1768 die „Hamburgische Dramaturgie“, in der er sich als am Theater angestellter Dramaturg (dabei Erfindung dieses Berufs) mit dessen Inszenierungen und gespielten Stücken und der Dramentheorie im Allgemeinen beschäftigt, eine Tradition, die das Thalia Theater zukünftig im Internet wiederbelebt.

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