Symposium

Theater und Universität im Gespräch
Symposium XII

Ödipus, Tyrann
von Sophokles nach der Übersetzung von Friedrich Hölderlin und in der Bearbeitung von Heiner Müller in der Inszenierung von Dimiter Gotscheff

Ödipus gilt als die tragische Gestalt der griechischen Mythologie schlechthin. Obgleich der thebanische Königssohn nach der Geburt ausgesetzt wird, damit sich der Orakelspruch nicht bewahrheitet, er werde seinen Vater töten, und Ödipus Jahre später selbst Vorsichtsmaßnahmen ergreift, um der Vorhersage zu entgehen, er werde überdies noch seine Mutter heiraten, setzt er bald darauf beides in die Tat um. Wenn die Familienkatastrophe indes als Erfüllung von Prophezeiungen erscheint, lässt sie sich auch als ungeheuerlicher Effekt falscher Deutungen und ungeeigneter Verhinderungsversuche sehen. Gerade weil Ödipus ausgesetzt wurde und fern seiner königlichen Eltern Laios und Iokaste aufwuchs, kann er Vatermord und Inzest mit der Mutter überhaupt nur ›unwissentlich‹ begehen. Mithin wird mit Ödipus eine zutiefst ambivalent angelegte Figur gezeigt, die in beidem groß ist: im Wissen und im Nicht-Wissen. Denn der ausgesetzte Sohn, der als Fremder nach Theben kommt, weiß als einziger, dass die Rätselfrage der Sphinx die Frage nach dem Menschen ist und vermag dadurch seine Vaterstadt zu befreien. Zugleich aber weiß er nicht um seine wahre Herkunft und ist auch noch Jahre später unfähig, sein Verfangensein in die familiäre Beziehungsstruktur zu deuten. Nicht von ungefähr hat Sigmund Freud gerade den Ödipus-Mythos im Sinne eines beziehungsdynamischen Grundkonflikts interpretiert, dessen Lösung im Dienste von Gewissensausbildung und geschlechtsspezifischer Identitätsfindung jedem Einzelnen aufgetragen ist. Das Symposium wird sich von daher mit Schlüsselthemen des Ödipus-Mythos wie Tragödie und Kultur, Schicksal und Schuld, Wissen und Gewissen, Inzest und Scham aus altphilologischer, theater-, kultur- und literaturwissenschaftlicher wie auch psychoanalytischer Perspektive auseinandersetzen. Zugleich aber werden die übereinander gelagerten Bedeutungsebenen zum Ödipus entfaltet, die in Dimiter Gotscheffs Inszenierung am Thalia Theater vorgestellt werden. Bereits Sophokles lässt in seiner Tragödie König Ödipus (Oidipus tyrannos) den Titelprotagonisten auf der Suche nach Zusammenhängen einen dramatischen Indizienprozess mit und gegen sich selbst ausfechten. Doch in Heiner Müllers Bearbeitung des Stückes nach der Übersetzung von Friedrich Hölderlin unter dem Titel Ödipus, Tyrann sucht Ödipus vor allem nach einem Wissen, das nur über die Kunst der Deutung zu erlangen ist. Welche Verantwortung sich aus der Entscheidung für eine spezifische Ausdeutung ›verrätselter Zeichen‹ ergibt, ist eine Frage, die sich nicht zuletzt für die Geistes- und Kulturwissenschaften in besonderem Maße stellt.

11 Uhr Eröffnung Joachim Lux

11.15 Uhr Tragödie des (Ge-)Wissens
Ödipus, Tyrann von Sophokles nach der Übersetzung von Friedrich Hölderlin und der Bearbeitung von Heiner Müller in der Inszenierung von Dimiter Gotscheff
Prof. Dr. Ortrud Gutjahr (Universität Hamburg)

Die Figur des Dritten Varianten des Ödipalen im Taumel zwischen Dyade und Triade
Prof. Dr. Benigna Gerisch (International Psychoanalytic University Berlin)

Wer wir sind Ödipus und die Kultur
Prof. Dr. Hartmut Böhme (Humboldt Universität Berlin)

12.15 Uhr Diskussion
Moderation Beate Heine

13.15 Uhr Mittagspause

14 Uhr Unschuldig schuldig – Ödipus als Paradigma des "Tragischen"
Prof. Dr. Claudia Benthien (Universität Hamburg)

Aristoteles und der "Fehler" ("hamartía") des Ödipus
Prof. Dr. Wolfgang Rösler (Humboldt Universität Berlin )

Unmögliches Begreifen. Die Tragödie des Ödipus
Prof. Dr. Hans-Thies Lehmann (Goethe Universität Frankfurt a. M.)

15 Uhr Diskussion
Moderation Ortrud Gutjahr

16 Kaffeepause

16.30 Uhr Szenische Lesung aus Ödipus, Tyrann mit Schauspielern des  Ensembles
Daran anschließend: Woran scheitert Ödipus? Diskussion mit dem Regisseur Dimiter Gotscheff und der Chefdramaturgin Beate Heine.

Koordination: Prof. Dr. Ortrud Gutjahr, Universität Hamburg, in Zusammenarbeit mit Beate Heine
Die Symposiumsreihe im Rahmen des Allgemeinen Vorlesungswesens der Universität Hamburg wird gefördert von der Mara und Holger Cassens Stiftung.

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