Knut und die herbe Frau

Unermüdlich, Liebe. Von Liebe zu singen, ist wie vom Leben zu singen. Liebe und Leben sind natürlich keineswegs synonym. Zu singen: „Ich liebe Dich“ anstelle von „Ich lebe mit Dir“ und so fort: Das funktioniert natürlich nicht. Knut und die herbe Frau wollen vor allem immer nur über Liebe singen, weil sie die auch meinen, wenn sie „Liebe“ singen. Aber wer ist nur mit „Die herbe Frau“ gemeint, die sich da strukturalistisch an Knuts Seite quält? Obwohl SIE eigentlich ein ER ist, nämlich Benedikt Filleböck von einer anderen Band, die auch nur allzu gerne über die Liebe und ihre Erfolge singt: Wolke. Und herbe? Wer soll das sein? Eine herbe Frau? Eine ungeliebte Frau? Eine Frau, die man mit Geschenken überhäuft, weil sie so herbe ist? Weil man sie lieben muss? Weil man ihr einen Antrag macht, damit man für immer mit ihr leben darf? Und wie ist das mit der Ehe in Zeiten des Popfeminismus? Knut und die herbe Frau? Wie schaut es aus? So lange, bis der Tod euch scheidet? Oder seid ihr nur ein Projekt - der widerwärtigste Begriff des Postpopförderalismus jenseits aller Digitalisierungsfragen – neben, klar: dem/der PraktikantIn. Ein Projekt der Liebe? Praktikanten der Liebe? Wer oder was seid ihr? So oder so: Wir sind ja für die Trennung von Liebe und Staat.

„Ich bin hilflos in Freiheit – ich muss im Reich der Mitte bestehen!“ singen Knut und die herbe Frau und die Frage, die sich da gleich anstellt in der Reihe der Fragen, die es zu beantworten gilt, lautet: Ist das Blues? Noch schöner gefragt, wie die Alt-68er das getan hätten: Haben Knut und die herbe Frau den Blues? Wer keine Liebe hat, der hat den Blues. Das wissen wir. Aber dieses kammermusikalische Klavier in all diesen Liedern - ein deutscher Pianist kennt und kann doch keinen Blues spielen. Der Tastenkaiser der Musik spielt das Leid der Welt und seiner Geschichte in Würde mit seinen durchtrainierten, flinken Fingerkuppen. Bevor der Pianist auch nur einen Moment damit vergeudet, herumzujammern, spielt er Jahre lang Partituren des Weltkulturerbes rauf und runter, während seine Freundinnen im Hinterhof Fußball spielen – oder „Wahrheit oder Pflicht“. Wenn der Pianist später auf Popplatten spielen muss, ist er naturgemäß ein wenig enttäuscht. Er darf mit seinen spielerischen Möglichkeiten vielleicht gerade einmal drei oder fünf Akkorde auseinandernehmen. Das ist aber immer noch besser, als gar nicht mehr zu spielen und Taxi zu fahren, so ein Pop-Piano. So ein Pop-Pianistenleben.

Schön, dass es auch für die Großen reichlich Spielzeug gibt: Computer, Synthesizer und Sampler; und Tontechnik und das ganze andere Kabelsimsalabim aus der Produzentenkiste. Da kann er sich weiterbilden, der Pop-Pianist. Knut und die herbe Frau: Ein Indiepoptrobador („Knut“) und ein wohltemperierter Poppianist („Die herbe Frau“) bei der Arbeit: Verliebt, manchmal verrückt wie entzückt und immer in, aus und durch die Liebe hindurch: „In unserem Glück werden wir uns heut beschließen, wir sind ein Wärmestrom, und da zusammen fließen“.

Erst die Liebe macht den Strom elektrisch.

Maurice Summen

P.S.: Knut Stenert (Sänger und Gitarrist von Samba) hat die Songs geschrieben und zusammen mit Benedikt Filleböck (Wolke) und unter Mithilfe von Tobias Siebert (Klez.E; Delbo) diese Platte gemacht.

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