Quijote. Trip zwischen Welten

Ein Projekt nach Miguel de Cervantes

Mit zusätzlichen Texten von Jörg Albrecht, Diedrich Diederichsen, Roland Schimmelpfennig, Ginka Steinwachs, Juli Zeh  u.a.

Ein Mann beschließt, als fahrender Ritter in eine Welt zu ziehen, in der es längst keine Ritter mehr gibt. Er sucht das Abenteuer, liest die Welt anders, deutet sie um zu einem Werk von Zauberern und Dämonen, gegen die er ankämpfen wird,um den Schwachen zu helfen und ein längst vergessenes Ideal gegen die Windmühlen der Wirklichkeit zu setzen. Wir alle kennen diese Geschichte des langen dürren Mannes auf einem Pferd  und seines kleineren dicken Begleiters auf einem Esel.  

Wir haben fünf zeitgenössische Autoren gebeten, Szenen für die Inszenierung von Stefan Pucher zu schreiben. Entstanden sind Texte von Jörg Albrecht, Diedrich Diederichsen, Roland Schimmelpfennig, Ginka Steinwachs und Juli Zeh, die jeweils neue Perspektiven und Interpretationen auf das Phänomen Don Quijote werfen, ein bunter Fächer Rezeptionsgeschichte meets die Figur Don Quijote. Stefan Pucher, der bereits „Andersen. Trip zwischen Welten“ am Thalia Theater inszeniert hat, setzt in dieser Arbeit seinen „Trip“ fort, zusammen mit den Thalia Schauspielern und dem Musiker Carsten „Erobique“ Meyer.

Premiere am 14. Januar 2012 im Thalia Theater

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Pressestimmen zu Quijote. Trip zwischen Welten

Rezension der Thalia-Schülerbotschafter

Kommentare

Ein wahnsinnig tolles Stück!
Ein wahnsinnig tolles Stück!
Aus Gästebuch, 19.06.12

Ein Werk der Großepik – zumal von Weltrang – für die Bühne einzurichten dürfte sich vermutlich immer wieder als Unterfangen darstellen, das ohne eine gewisse Risikofreude des Regisseurs und letztlich auch des von ihm ins Auge zu fassenden Publikums kaum erfolgreich bewerkstelligt werden kann. Die hier von Stefan Pucher gebotene Inszenierung musste sich – so wäre zu spekulieren – von der Frage leiten lassen, ob und inwieweit sie das sichtbar macht, was das Ursprungswerk, das in diesem Fall einer anderen Literaturgattung angehört, als Reflex auf vergangene Zeiten und Lebensbedingungen an inhaltlich-stilistischer Substanz ausweist, hier als Parodie auf abenteuerliche Ritterromane, auch als Ausdruck sozialer Verhältnisse und kultureller Ansprüche des damaligen Spanien. Zudem wird der vorliegenden Bühnenfassung in der Phase ihrer Konzeption und Strukturierung die Aufgabe zugrunde gelegen haben, den Spielraum auszumessen für Anschlusstexte, für szenische Gestaltung und schauspielerische Aktionen, für vielerlei Elemente mithin, die sich auf Grundgedanken des Ausgangsstückes beziehen, sie weiterführen, variieren, modulieren, verfremden oder persiflieren. Dies alles im Zuge der mittlerweile erfolgten Aufführungspraxis in einer Kunstfertigkeit, die die Intentionen des Ausgangstextes stets erkennen lässt und sie sinnvoll auf gegenwärtige Aspekte, Konstellationen, Probleme und Konfliktfelder bezieht. In der einführenden Beschreibung auf der Webseite des Stückes ist von „markanten Aktionskünstlern“ heutiger Zeit die Rede, und die mit dieser Bezeichnung gegebene Qualifikation trifft cum grano salis auch auf die Schauspieler des vorliegenden Projekts im Hinblick auf ihre Rollenwahrnehmung zu. Überhaupt wird das, was das Theaterstück von seiner Grundidee und Anlage her verspricht, nicht zuletzt durch das Engagement derjenigen, die es zur Anschauung bringen, also jener „markanten Aktionskünstler“, durchaus gehalten. Die Begegnungen des Ritters mit seiner Umgebung zeigen in der Art von Aufmachung und Darbietung verständlicherweise Ähnlichkeiten mit Stefan Puchers Projekt „Andersen. Trip zwischen Welten“. Schon die Affinität der beiden Titel dürfte in dieser Hinsicht bezeichnend sein. Die Hauptfigur, der in einer gewissen Gebrochenheit auch hier wieder Züge des Künstlers – wenn eine moderne Perspektive angelegt wird - eignen, bewegt sich zwischen den Welten, agiert in einer Sphäre, in der sich die Zeiten mischen, wie die Vorankündigung auf der bereits erwähnten Webseite verrät. Gleichwohl erkennt man einen roten Faden, was Absicht und Wirkung des Stückes anbelangt - die lobend hervorzuhebende schauspielerische Leistung der Hauptdarsteller Jens Harzer (Don Quijote) und Bruno Cathomas (Sancho Panza) trägt dazu bei. Don Quijote und Sancho Panza verkörpern nicht nur den Dualismus der spanischen Seele, wie gelegentlich gesagt wird, sondern lassen - und die Inszenierung verstärkt diese Textintention ganz bewusst und offensichtlich - in ihrem Zusammenspiel vor allem Idealismus und Utopie sichtbar werden. Der Romanheld will Missstände beseitigen, obwohl seine Unternehmungen sie z.T. erst schaffen. Das was ihn als Idealisten auszeichnet, ist gleichzeitig Utopie; immerhin scheitert er letztlich bei Cervantes an einer widerspruchsvollen und spannungsreichen Realität. Auch die anderen Akteure, die das Bühnenstück aufzubieten weiß, die Wiedergänger der Hauptfigur, sind Träger utopiegeleiteter Vorstellungen, lassen sich von den Antriebskräften einer visionären, mehr Humanismus versprechenden Gegenwelt bestimmen. Die Frage der Utopie wird aber nicht nur inhaltlich auf der Ebene von Handlung und Reflexion durchgespielt, sondern findet ihre Widerspiegelung auch in der konzeptionellen Anlage, in der Struktur des Projekts. Die von den „Aktionskünstlern“ gebotenen, z.T. von Videosequenzen begleiteten Szenen, Texte und Handlungen verweisen in ihrer Heterogenität, in ihrem Pluralismus, ihrer Exzentrik, in ihrem z.T. grotesk wirkenden Zuschnitt und ihren Überraschungseffekten auf eine Perspektive, die der rationalen Fassbarkeit weitgehend entzogen bleibt und sich gerade deshalb als „Kontrapunkt“ zur naturwissenschaftlich- technischen Welt der Gegenwart deuten ließe, d.h. als „Antithese“ zu einer Realität, die zunehmend durch Standardisierung, Normierung und „Uniformierung“ gekennzeichnet ist. Die mit dem Ausgangstext vorgegebene Dialektik von Ideal und Wirklichkeit gerät damit auf eine Ebene, die eine das „Heute“ ins Visier nehmende Gesellschaftskritik ermöglicht. Der Kampf des Idealisten mit der Lebenswirklichkeit - ein gängiges Interpretationsparadigma – wird durch die mit dramatisierten Textpassagen des Romans verflochtenen Präsentationsformen in ihrer Vielfalt, Assoziationskraft und überbordenden Fantasie gleichsam zu einem Kampf gegen Systemzwänge und Imperative gesellschaftlicher Strukturen. An ihnen musste Don Quijote, wenn das einmal so „modern“ ausgedrückt werden darf, scheitern, von ihnen vereinnahmt sowie auf den Weg von Verhaltens- und Leistungskonformität gebracht zu werden, ist offensichtlich das „Schicksal“ des heutigen Menschen in Industrie-, Dienstleistungs- und Konsumgesellschaften. Alles in allem eine gelungene Inszenierung, sie wurde mit entsprechender Begeisterung des Publikums quittiert! (Michael Pleister, d. 10.02.2012)
Michael Pleister, Dr., 13.02.12