Über die Zukunft der Bürgerkultur

Hitzige Debatte
Hitzig ging es zu beim Themenabend „Über die Zukunft der Bürgerkultur“ am 20. Juni 2010 im Thalia Theater. Die Kultursenatorin Karin von Welck, der Autor und Migrationsforscher Mark Terkessidis, Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse sowie Intendant Joachim Lux diskutierten über die Fragen, für wen in Hamburg eigentlich Kultur gemacht wird, wie sich Kultur trotz Sparzwängen behaupten und wie man etablierte Strukturen aufbrechen kann. Die Moderation führte Abendblatt-Chefredakteur Claus Strunz.

Angeheizt wurde die Diskussion durch die am Tag zuvor veröffentlichte Entscheidung des Künstlers Daniel Richter, die Hansestadt zu verlassen und nach Berlin ziehen zu wollen. „Wenn man sich die Kulturpolitik hier ansieht, ist das ein Desaster. (…) Es gibt eine immer wieder sichtbare Tendenz: die Merkantilisierung eines jeden kulturellen Sektors.“ (Hamburger Abendblatt, 19./20. Juni 2010).
Joachim Lux setzte hier an und forderte Partizipation eines jeden Bürgers an der städtischen Kultur. Am Beispiel des Thalia-Projekts „2BEORNOT2BE – Stadt auf die Bühne!“ schilderte er, wie jeder Bürger seine Gedanken und die Themen, die ihn beschäftigen, auf der Bühne einem breiten Publikum mitteilen könne. Ganz nach dem Prinzip: Die Stadt macht hier das Theater! In einem weiteren Thalia-Experiment gelang der Versuch, das Publikum an einem aktuellen Diskurs zu beteiligen. Beim so genannten „Publikumsgipfel“, der unmittelbar auf die Kürzung des Kulturetats der Stadt folgte, stand es den Zuschauern frei, die Höhe ihres Eintritts für die Vorstellung „Nathan der Weise“ selber zu bestimmen. „Was ist uns Kultur wert?“ lautete die Frage, die nach der Auswertung der Einnahmen diskutiert wurde. Ein weiteres Ziel sei die Öffnung gegenüber dem Teil der Gesellschaft, deren Wurzeln nicht in Deutschland liegen und die bedauerlicherweise nicht zu den Stammbesuchern von Kulturinstitutionen gehören. Hier sind, neben bereits realisierten Projekten wie der „Langen Nacht der Weltreligionen“ im Thalia Theater, neue Formate in Planung.

Wolfgang Thierse hielt gegen den Öffnungsgedanken von Joachim Lux und vertrat die Haltung, dass man neben Integration verstärkt auch die eigene Kultur vertreten müsse. Gerade im Theater sollte auch die klassische Literatur gepflegt werden, wobei er diese Aussage nicht mit der „Leitkultur“-Debatte vermischt sehen wollte.

Mark Terkissidis sah das Problem grundsätzlicher. Er vermutet bei vielen Bürgern eine zu große Hemmschwelle, ein Theater oder Konzerthaus zu besuchen, da hier – so die Befürchtung – nur ein bürgerliches Publikum zuhause sei.

Doch eben dieses Vorurteil möchte Joachim Lux aus Hamburg verbannen, hier müsse Kultur oder eben Theater nicht als so genannte Hochkultur, sondern als ein Ort der Öffentlichkeit begriffen werden, ebenso wie Schwimmbäder oder Bücherhallen. Jeder müsse sich verantwortlich fühlen für den Forterhalt der Kulturinstitutionen und sich für sie engagieren, z.B. durch einen Besuch der Galerie der Gegenwart, die zurzeit von einer Schließung mangels Besuchereinnahmen bedroht sei.

Fazit: Hamburger Bürger müssen mehr Verantwortung übernehmen.

Thalia Freunde
Themenabend

Die bürgerliche Gesellschaft ist kräftig im Umbruch – hat, je nach Blickwinkel, gerade Renaissance oder ist heftig aus der Mode. Die seit der Französischen Revolution übliche Unterscheidung zwischen Bourgeois und Citoyen, zwischen dem Angehörigen einer sozialen Klasse und dem Staatsbürger als Stellvertreter aller Mitglieder eines Gemeinwesens ist wieder hoch aktuell. Von dieser Unterscheidung ausgehend wird sich der Themenabend des Thalia Theaters mit der Frage beschäftigen, wie wir unser Gemeinwesen, wie wir unsere Stadtkultur tatsächlich gestalten und beleben wollen.

Wen schließen wir eigentlich aus? Wie willentlich passiert das? Was bedeutet das für die Räume städtischer Kultur, zu denen auch die Theater gehören, aber auch viele andere? Ist es richtig, diese mit öffentlichen Geldern zu erhalten? Wer nutzt die Institute bürgerlicher Kultur noch? Wie wird daraus eine neue Kultur der Bürger? Entsteht eine Bürgerkultur, in der der Zahnarzt mit Herkunftsland Türkei ebenso verankert ist wie der deutsche Staatsbürger aus dem Iran, der Geschichte unterrichtet? Und integrieren sich diese interkulturellen Prozesse in den Instituten der Städte? Wie fördert eine politische Entwicklung diesen Prozess? Gleichzeitig werden viele innerstädtische Versammlungsorte (Bibliotheken, Schwimmbäder, Theater, Museen, etc.) immer schlechter ausgestattet. Zerstört ein merkantiler Neoliberalismus gerade sämtliche Güter von Sozialstaat und Fürsorgekultur? Was ist eine lebendige Bürgerkultur? Bürgerinitiativen stoppen bzw. fördern stadtarchitektonische Projekte, ob in Köln oder in Hamburg. Die Bürger wollen mehr direkte Beteiligung denn je, die Hamburger Schulreform ist nur ein Beispiel von vielen. Wie gestaltet sich eine moderne Stadtgesellschaft heute? Wie wird sie eine Vereinigung all ihrer Citoyens?

Teilnehmer

Karin von Welck
Prof. Dr. phil., langjährige leitende Tätigkeit in verschie-denen kulturhistorischen Einrichtungen. Von 1998 bis 2004 Generalsekretärin der Kulturstiftung der Länder. Seit 2004 parteilose Kultursenatorin Hamburgs. Seit 2008 Präses der Behörde für Kultur, Sport und Medien. Stetige Tätigkeit in diversen ehrenamtlichen Gremien, zahlreiche Publikationen mit Bezug zu kulturpolitischen Fragestellungen.

Mark Terkessidis
Journalist, Autor und Migrationsforscher, von 1992 bis 1994 Redakteur der Zeitschrift Spex, Mitherausgeber des weg-weisenden Buchs „Mainstream der Minderheiten“ (1996), Mitbegründer des 2000 gegründeten „Institute for Studies in Visual Culture“ in Köln. Arbeitet zu Rassismus und Integration. Sein neues Buch "Interkultur" ist kürzlich bei edition suhrkamp erschienen.

Wolfgang Thierse
Studierter Germanist und Kulturwissenschaftler. Bis 2005 stellv. Parteivorsitzender der SPD. Ab 1998 Präsident des Deutschen Bundestages. Seit Oktober 2005 dessen Vize-präsident. 2004 Erhalt der Ehrendoktorwürde für seine Verdienste in der Stärkung des demokratischen Bewusstseins in den neuen Bundesländern und in der Zurückweisung radikaler Strömungen in der Gesellschaft.

Joachim Lux
Intendant des Thalia Theater Hamburg. Zuvor seit 1999 zehn Jahre lang Mitglied der künstlerischen Direktion des Burgtheaters, zunächst als Dramaturg, später als Chef-dramaturg. In früheren Jahren arbeitete er als Dramaturg, Chefdramaturg und Regisseur in Bremen (1996-1999), Düsseldorf (1989- 1996) und Köln (1984-1989).

Claus Strunz (Moderation)
Ehemals Redakteur und Ressortleiter „Nachrichten“ bei der Münchner Abendzeitung, stellv. Chefredakteur der Tages-zeitung Die Welt und Chefredakteur der Bild am Sonntag. Seit Oktober 2008 Chefredakteur beim Hamburger Abendblatt.

Eine Veranstaltung für die

Interessierte an einer Thalia Freunde - Mitgliedschaft sind herzlich willkommen!
 

Kommentare